Charaktere und die Kunst der Diskussion

Alessa May

Beim gestrigen Stöbern des Zimmers meines Sohnes, entdeckte ich einen fast schon verloren gegangenen Freund.

Darf ich vorstellen:   ROGER

Die Kinder sprechen ihn in anglo-amerikanischer Weise an, RODSCHA. Ich bevorzuge die elegantere, französische Version, ROSCHEE.

Roger war der Helfer in der Not. Sollte es bei Missachtung von Mamas Warnungen zu Verletzungen physischer oder psychischer Natur gekommen sein. Seine langen Arme und Beine um den traurigen Kinderhals geschlungen, die Tränen im orange-gelben Fell auffangend, konnte Roger so manch Katastrophe in den Kinderzimmern unserer Beiden auffangen. Sagte mit seinen Knopfaugen stumm: „Das wird schon wieder.“

Wir alle brauchen einen Roger in unserem Leben. Gerade in turbulenten Zeiten.

Wenn Kinder sich um ein Spielzeug streiten, sagt der Volksmund: Pack schlägt sich. Pack verträgt sich.
Aber wer bezeichnet sich als Erwachsener schon gerne als Pack?

„Haben wir unsere Diskussionskultur verloren?“, stellte der YouTuber und Journalist Roger Köppel - ein Namensvetter meines Roger - neulich in den Raum. Ich frage mich, gibt es DIE Diskussionskultur?

Wir Autoren sind angehalten, alle Facetten eines Charakters zu durchleuchten, Gut und Böse gleichberechtigt zu behandeln. Und sie nur so viel aufeinander zu hetzen, wie unser Leser das akzeptieren würde. Denn Protagonist und Antagonist sind aufeinander angewiesen, müssen perfekt interagieren, sonst wird die Story Mist.

„Kultur ist die Gesamtheit der geistigen, künstlerischen und wissenschaftlichen Leistungen, die ein Volk und/oder eine Epoche charakterisieren.“, so die Definition von Wikipedia.
Nimmt man den Begriff Diskussionskultur, dann charakterisiert die Art und Weise, wie wir miteinander diskutieren, die Natur unseres Volkes und unserer Epoche. Da wird mir etwas mulmig zumute. Denn es darf und muss möglich sein, kontrovers zu diskutieren, wenn es auch hin und wieder ruppiger zur Sache geht. Keine der Meinungen darf dominieren, oder die andere Seite zum Schweigen verdonnern. Das ist oldschool und kann weg.
Zum Ende des Schlagabtausches sollte aber - und da kritisiere ich die gängigen Medien jeder Couleur – geschlossen werden mit dem, was derzeit völlig aus der Mode gekommen scheint: einem Kompromiss.

Um wieder auf Wikipedia zurückzugreifen: „Ein Kompromiss ist eine von allen beteiligten Personen akzeptierte Lösung, zu der man durch gegenseitige Zugeständnisse gelangt.“ In unserem YouTube-Format TISCH 12 sind wir stets auf eine, für alle Beteiligten zufriedenstellende, Conclusio bedacht.

Wir Autoren kennen dafür aber noch einen anderen Begriff: das Happy End. Die Mehrheit der Leser fordert das Happy End. Egal ob sich Liebende schmachtend in die Arme fallen oder sich der Held verbeult und blutüberströmt von einem mit Leichen übersäten Kampfschauplatz abwendet.
Warum also scheint es der Fall, dass wir im Weltgeschehen immer wieder mit dem Ausschluss eines Happy Ends konfrontiert werden? Ein „Das wird schon wieder.“ ist zwar leise vernehmlich, jedoch versehen mit einem besorgniserregenden Wenn. Wer gegen das Wenn ist, wird ausgeschlossen. 

Das ist keine Zivilisation, das ist das Gesetz der Wildnis.

Zurück ins Kinderzimmer. Meine Kinder sind mittlerweile fast erwachsen. Hat Roger ausgedient?
Nein. Er hat einen neuen Platz: an meinem Schreibtisch.

Er ermahnt mich, Umsicht walten zu lassen. Nicht vorschnell zu urteilen, mir alle Seiten anzuschauen und zu analysieren. Er gibt mir Kraft und Mut, für mich einzustehen. Denn ich weiß: Egal, wie ich mich entscheide, er lächelt mich auch dann verschmitzt an, wenn ich mir die Haare raufe, warum manches nicht so klappt, wie ich es will. Und er ist bereit, meine Tränen aufzufangen, wenn ungelöste Probleme aus meinen Erinnerungen hochschwappen, mich zu überwältigen drohen, weil ich mich strikt weigere, mich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Danke, mein Freund.

Für die Kinder gab es RODSCHA. Für mich als Erwachsene gibt es ROSCHEE.

Jeder sollte einen haben.